Empfindliche Schönheit: Fotokunst zwischen Nahbarkeit und Schonung

Damit fragile Fotokunst in Ausstellungen erlebbar werden kann, müssen die empfindlichen Objekte oft fotorestauratorisch für ihren großen Auftritt vorbereitet werden. Dabei geht es nicht nur um die ästhetische Aufbereitung von Einzelobjekten, sondern auch um die Erarbeitung ausgeklügelter Aufhängungen und schonender Präsentationskonzepte.

Von
Jessica Morhard

Veröffentlicht

10.05.2024

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Kaum ein künstlerisches Medium ist technisch und materiell so vielseitig wie die Fotografie. Seit ihrer Erfindung vor rund 200 Jahren wurden tausende fotografischer Verfahren entwickelt, und die Vielfalt der Materialien, Techniken und Wirkungsweisen kennzeichnet auch die virtuose künstlerische Auseinandersetzung mit dem Medium. Die Komplexität der in Museumssammlungen anzutreffenden Materialverbindungen von Fotografien und ihre besondere Empfindlichkeit gegenüber Umwelteinflüssen wie Licht, Feuchtigkeit oder physischer Berührung sind auch ein zentrales Thema für die Fotorestaurierung. Dabei schreiten Fotorestaurator:innen nicht erst ein, wenn sich Schäden am Objekt bemerkbar machen: Ihre wichtige Kompetenz und Verantwortung liegt darin, mögliche Schäden vorauszusehen und durch gezielte Maßnahmen zu verhindern, bevor sie entstehen.

Dieser fotorestauratorische Einsatz wird vor allem erforderlich, wenn Fotografien in einer Ausstellung präsentiert werden sollen, so wie zum Beispiel aktuell in der Foto-Ausstellung “Size Matters. Größe in der Fotografie” (01.02. - 20.05.2024) am Düsseldorfer Kunstpalast. Die Ausstellung führt nicht nur ein besonders breites Spektrum an fotografischen Techniken zusammen, sondern untersucht auch das Thema Format und Größe in der Fotografie. Für die Realisierung der anspruchsvollen Sonderausstellung hat der Fachbereich Fotorestaurierung am RED eng mit der Ausstellungskuratorin am Kunstpalast, Linda Conze zusammengearbeitet. Gemeinsam wurden so angemessene Präsentationsformen entwickelt, die eine Balance finden zwischen Nahbarkeit und Schonung der Objekte.

 

Montage-Geschichten

Nicht immer liegt die künstlerisch intendierte oder authentische Präsentationsform auf der Hand. Beim Körperfotogramm “ohne Titel” (1967) des Künstlers Floris Neusüss hat die technologische Untersuchung ergeben, dass das Werk in seiner Ausstellungsgeschichte bereits unterschiedliche Präsentationsformen erlebt hat. Als eines von über 200 Körperfotogrammen des Künstlers zeigt es den menschgroßen Schattenriss eines weiblichen Körpers, der entstand, als sich die Porträtierte auf das lichtempfindliche Fotopapier gesetzt hat.

Auf den ersten Blick war auffällig, dass das gerahmte, hauchdünne Fotopapier starke Verwellungen aufwies. Diese erklärten sich bei einer Untersuchung in ausgerahmtem Zustand: die Fotografie war in der Vergangenheit auf eine Leinwand aufgezogen worden. Durch die punktuellen Klebepunkte und die fixierende Rahmung konnte das Fotopapier nicht flächig auf Klimaschwankungen reagieren, sondern hat sich unregelmäßig verwellt. Sichtbar wurden bei der fotorestauratorischen Untersuchung aber auch Einstichlöcher am oberen und unteren Bildrand, die auf eine ungerahmte Präsentation des aufgezogenen Fotos direkt an der Wand hindeuten. Durch eine weiterführende Recherche konnten Hinweise auf frühere Präsentationsarten gefunden werden. In einem historischen Katalog mit Ausstellungsansichten sind die Körperfotogramme ungerahmt und gerahmt zu sehen. In einem Telefonat mit der Witwe des Künstlers konnte darüber hinaus ermittelt werden, dass der Künstler seine Arbeiten regelmäßig auf Kartenleinen, Aluminiumtafeln oder Holz aufgezogen hat und dass er eine gerahmte, nicht auf Leinen aufgezogene Hängung bevorzugte.

Für die Präsentation des Werkes in der Size Matters-Ausstellung wurde ein Kompromiss erarbeitet: Das Werk wurde auf seiner Leinwand belassen, aber zur Reduzierung der Verwellung ausgerahmt und mit Magneten direkt an der Wand gehängt. Langfristig ist geplant, das Werk gemäß der Präferenz des Künstlers von der Leinwand zu lösen und wieder gerahmt zu zeigen.

Von Digital zu Analog: Aber wie?

Wenn Foto-Objekte nur digital vorliegen, als Scan oder digital erzeugte Quelldatei, muss für die Herstellung von sogenannten Ausstellungskopien entschieden werden, nach welchen Parametern sie hergestellt werden sollen. In welcher Größe, auf welchem Bildträger, in welcher Farbigkeit und mit welcher Oberfläche soll das Foto erfahrbar werden? Gibt es Vorgaben des Künstlers / der Künstlerin, ihrer Rechtsnachfolgen oder anderer Copyright-Inhaber:innen? Welche kuratorischen Narrativen sollen erzählt werden?

Bei den digitalen Quelldateien für die ausgestellten Abzüge der Farm Security Administration handelte es sich um gescante, analoge Planfilm-Negative aus dem Jahr 1941. Damals war es üblich, dass Fotograf:innen für die Verwendung und Verbreitung ihrer Bilder sogenannte Kontaktkopien von Negativen erstellten. Solche Kontaktkopien entstanden im analogen Entwicklungsprozess, indem das Fotonegativ in direkten Kontakt mit einem lichtempfindlichen Fotopapier gebracht wurde, das dann per Durchleuchtungsverfahren belichtet wurde. Auf diese Weise handelte es sich bei Kontaktabzügen immer um Darstellungen des gesamten Negativs im 1:1-Maßstab. Für die Narrative der Size Matters-Ausstellung sollte dieser analoge Vorgang simuliert werden und die Abzüge vom Digitalisat in gleicher Größe angefertigt werden, die ein 1:1-Kontaktabzug vom Negativ früher geliefert hätte. Dazu musste die genaue Größe des originalen Negativs ermittelt werden. In der Fotorestaurierung wurden die sichtbaren Spuren an dem digitalen Scan des Fotonegativs ausgewertet, und ein Abgleich mit historischen Produktdatenblättern, Verpackungen und fotokonservatorischer Literatur erlaubte es, die Filmart und den Filmtyp des originalen Negativs zu bestimmten. Dadurch konnte auch die genaue Größe ermittelt werden, in der dann die Ausstellungskopie angefertigt wurde.